Billigfernsehen oder Unterschichtenfernsehen?

 

Es ist eine Debatte, die nicht enden will: Was sind das eigentlich für merkwürdige Typen, diese TV-Zuschauer, und warum schauen diese sich so viel miesen Schrott an? Dieser miese Schrott ist schnell bei den privaten Sendern verortet und identifiziert: „ DSDS“, „Das Supertalent“, „X-Factor“ und einige andere sowie die ganze Breite an täglichen Scripted Reality Soaps wie „Die strengsten Eltern der Welt“, „Die Super-Nanny“ oder „Familien im Brennpunkt“. Und dann ist es wieder da, das böse, böse Wort vom „Unterschichten-Fernsehen“, über das sich Harald Schmidt so trefflich erheben kann.

 

Bleiben wir mal bei den Doku-Soaps. Es stimmt schon: Bei den großen Privatsendern machen diese Formate einen massiven Teil ihres täglichen Programmangebotes aus. Das hat zunächst damit zu tun, dass ProSiebensat1 oder RTL gewinnorientierte Unternehmungen sind. Auf der Kostenseite lassen sich recht günstig herstellen, da die – in aller Regel – gecasteten Laienschauspieler geringe Gagen erhalten. Geschickte Produktionsplanung sorgt darüber hinaus, dass bei vorgegebenen Budgets ein hohes Maß an Output erzielt wird. Im Fall der hinreichend bekannten Telenovelas hat das zu fast industrieller Herstellung geführt. Wirklich bedeutsam aber ist die Machart dieser Reality Soaps, da sie ein breites Zuschauerpublikum vor den Fernseher lockt. Denn viel Publikum bedeutet: Viele Werbeeinnahmen. So gesehen machen die Privaten erst mal nichts falsch, denn auch Reality TV fußt auf denselben Grundregeln und Wirkungsmechanismen, die für das Fernsehen und den Film gleichermaßen gelten. Reality Soaps in ihrer Masse gaukeln eben nur dem Zuschauer einen realen Handlungsstrang vor, den es so nicht gibt. Ein einigermaßen belichteter Mensch hat das auch schnell erkannt und sieht, dass die Protagonisten meist drehbuchmäßig ans drahtlose Mikrophon verkabelt in angeblich völlig unerwartete Situationen geraten, in denen sie ihre stets knappen Dialoge absondern dürfen.

 

Ist diese Zuschauermasse also grenzenlos dumm und dient sie in den Augen der TV-Vermarkter nur als leicht manipulierbarer Adressat für allerlei Werbebotschaften? Ist der Begriff „Unterschichten-Fernsehen“ nicht doch zutreffend, weil eben nur der bildungsferne Bodensatz der Gesellschaft sich einen so offensichtlichen Schmonzes antut?

Es mag den „dummen Zuschauer“ geben, aber er ist ganz sicherlich nicht geeignet, auf der ganzen Breite die relativ hohen Einschaltquoten der Reality Soaps aller Kategorien zu erklären. Reality-TV wirkt deshalb so vorzüglich, weil es die Emotionen der Menschen außerordentlich stark anspricht und in den meisten Fällen eine Lebenswelt widerspiegelt, die entweder leicht nachzuvollziehen ist oder die das Gefühl festigt, dass es doch noch Leute auf der Welt gibt, die noch schlimmer dran sind als man selbst.

 

Hilfreich dabei sind gern bediente Klischees, wie dieses hier: Die dralle 22jährige, tätowierte Blondine, die als Friseuse in Köln eine Woche Urlaub auf Mallorca nimmt, um endlich mal wieder richtig Party zu machen und in sprachlicher Dumpfbackenmanier „He, willste mich anmachen, Du Arsch, oder was’s los!) das eine oder andere sexuelle Abenteuer zwischen Bett und Ballermann sucht. Nennen wir sie Tanja. Drehbuchtechnisch ist diese Figur aber noch nicht ausgereift. Es fehlen noch ihr Freund Kevin, 24, Automechaniker, der außer Fußball und Saufen kaum nennenswerte Interessen hat, aber ansonsten ein ganz Lieber ist. Und da ist noch Tanjas alleinerziehender Vater Jupp, 42, der eine gutgehende Imbissbude betreibt und nach dem frühen Tod seiner Frau (Krebs!) nun wieder auf Freiersfüßen wandelt. Laut Drehbuch zum gleichen Zeitpunkt in Palma wie die eigene Tochter. Begleitet wird Tanja übrigens von ihrer besten, aber etwas fülligen Freundin Sandra (23, 4. Semester Sozialarbeit, Hobby: Line Dance, Freund: Bankangestellter). Clou der konstruierten Geschichte ist, dass Kevin („Ich liebe nur Tanja und will sie heiraten!“) mit dem Verlobungsring im Koffer insgeheim der unternehmungslustigen Truppe hinterher reist!

 

In dieser Gesamtkonstellation sind alle möglichen Konflikte und Lösungen programmiert. Das hier grob gezeichnete Beziehungsgeflecht bietet eine Menge Spannungselemente: „Wird Tanja Kevins Heiratsantrag annehmen?“, Wie wird Tanja reagieren, wenn sie erfährt, dass die Geliebte ihres Vaters drei Jahre jünger ist als sie?“ oder „Wohin ist Kevin abgetaucht, nachdem er seine Tanja mit dem spanischen Kite-Surfer Antonio im Hotelzimmer verschwinden sah?“

Ähnliche Situationen - oder zumindest ähnlich gelagerte Lebenssituationen - hat wahrscheinlich jeder schon mal erlebt und kann sich daher auch leicht in die (vorgestanzte) Gefühlswelt der Protagonisten hinein versetzen. Oder aber, als Variante: Der Zuschauer kann sich jederzeit über die Charaktere erheben, sich von ihnen distanzieren.

 

Dieses Spiel mit Klischees, starken Emotionen und einigermaßen passablen Figuren macht auch deutlich, warum der Begriff „Unterschichten-Fernsehen“ letztlich unzutreffend ist: Weil er meist als soziologische Ortsmarke verstanden wird, nämlich als Fernsehen für die „da unten“, die deswegen „da unten“ sind, weil schon ihre Eltern „da unten“ waren und weil sie alle nie vernünftige Bildung genossen haben. Vollkommen klar, dass die Privatsender den Begriff unisono sehr schnell als falsch und abwertend brandmarkten und diese Kritik mit Belegen aus ihrer hauseigenen Wirkungsforschung garnierten. Im selben Atemzug wiesen sie darauf hin, dass Doku-Soaps ihre Zuschauer auch in höheren Gesellschaftsschichten, sprich höheren Einkommens-und Bildungsniveaus, finden.

 

Der Quotenerfolg der Reality Soaps in all ihrer Unterschiedlichkeit liegt also eher darin, dass sie ganz einfache, aber sehr verbreitete, höchst menschliche Grundeinstellungen wie Neid, Schadenfreude, Neugier, Sensationslust usw. tangieren und die gesamte Bandbreite menschlicher Emotionen in immer wieder neuartigen Handlungen, aber bei immer gleichem Muster durch deklinieren. In diesen Rahmen können sich im Prinzip alle Zuschauer einfügen, vom arbeitslosen Baufacharbeiter im TV-Dauerkonsum, der bügelnden Hausfrau mit Abitur bis hin zum Gymnasiallehrer. Dass es viele Menschen gibt, die diese Sendungen ablehnen, ist weniger eine Frage des Intellekts, der Bildung oder gar der gesellschaftlichen Stellung, sondern hat damit zu tun, dass diese TV-Konsumenten weder von der Form, den Figuren noch von der Handlung angesprochen werden, obwohl ihnen die Gefühlswelten in den Soaps durchaus nicht fremd sind. Sie bevorzugen eben differenziertere Angebote. Viele mögen sich vielleicht auch deshalb nicht als Soap-Fans outen, weil sie sich in ihrem jeweiligen Umfeld abwertende Reaktionen fürchten. Das ist vergleichbar mit dem Verhalten mancher Menschen am Zeitungskiosk, die den SPIEGEL oder den STERN kaufen, sich dann aber noch die BILD-Zeitung darin einwickeln lassen.

 

Mit der Konzentration auf die Grundneigungen des Menschen - um die Bezeichnung „niedere Instinkte“ zu vermeiden – sichern sich die Soap-Formate einen breiten, diffusen Zuschauerkreis, den die Privatsender zur Vermarktung der Werbung dringend benötigen. Nehmen die Zuschauer aber bis zu einer kritischen Marke ab, wird das Programm umgehend gekippt. Irgendwann dürften sicherlich alle Muster durchgespielt und gebrauchsfähigen Laien gecastet sein, sodass bald neue Programmideen anstelle der Scripted Reality- und Soap-Formate benötigt werden. Wünschenswert wäre, wenn die Handlungskonzepte dann etwas intelligenter und differenzierter angelegt wären. Denn der deutsche Zuschauer hat Besseres verdient, als dieses Discounter-Fernsehen, das für den Konsumenten billig produziert, für den TV-Veranstalter aber höchst lukrativ ist.

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Kommentare: 3
  • #1

    Brigitte Kohl (Mittwoch, 28 September 2011 15:11)

    "You get what you pay"
    Ein kaufm.Unternehmen kann man auch nicht mit Auszubildenden aufrechterhalten. Irgendwann springen die Kunden langsam ab, wenn keine qualifizierten Fachkräfte zur Verfügung stehen.
    Ich glaube beim Fernsehen ist es genauso.
    Ausgebildete Schauspieler gibt es eben nicht zum Sonderangebot. Wenn alles mit Laienschauspielern gemacht werden soll, dann muß man m.E. große Abstriche in Sachen Qualität machen, denn irgendeinen Nutzen hat eine Ausbildung schon und das in jedem Beruf.

  • #2

    Sebastian Ring (Donnerstag, 29 September 2011 18:20)

    @Michael, prima Beispiel. Am meisten stören mich die primitiven Dialoge. Ich stelle mir vor, daß da hauptsächlich am Nachmittag viele Schülerinnen und Schüler vorder Glotze sitzen und sich dieses Gossendeutsch reinziehen. Es wundert mich nicht, daß sie das irgendwann als Normal-Sprech empfinden. RTL,Pro7, VOX, Sat.1 und RTL2 sind daher für mich das Allerletzte. Unsere Kinder (15 und 12 Jahre)schauen diese Programme nicht, erst recht nicht nachmittags. Leider tun es viele ihrer Schulfreunde und blicken oft mitleidig auf unsere Kinder, da die nicht mitreden können. Grüße Sebastian Ring, Tübingen

  • #3

    Cohibalover (Samstag, 01 Oktober 2011 11:18)

    Ach was, alles Programm von Dummen für Dumme, von Proleten für Proleten. Hauptsache die Vermarkter haben ihre Deals im Sack und die Werbeblöcke sind voll. Guck Dir doch an was da so an Werbung läuft.